Jazz-up your Change Management oder ‘So, und auch anders!’

Jochen Gümbel, MSc in "Kommunikation und Management"

Es klingt auf den ersten Blick schon sehr abenteuerlich, liest man den Titel meiner Master Thesis, mit der ich 2014 den Masterlehrgang “Kommunikation und Management” an der Donau-Universität Krems erfolgreich abschließen konnte. Denn dieser lautet: “Die (mögliche) Nutzung der Methode der Jazzimprovisation im Change-Management am Beispiel von Technologie-Unternehmen”. Doch bei genauer Betrachtung gibt es zahlreiche Dinge, die uns die Jazzimprovisation in diesem Kontext lehren kann – aber der Reihe nach…

Aktuelle Studien besagen, dass über 50% komplexer Change-Projekte an unklaren Zielsetzungen und mangelhafter Kommunikation scheitern. Im gleichen Atemzug lässt sich aber auch feststellen, dass die Veränderungs-Anforderungen und die damit verbundenen Herausforderungen stetig deutlich zunehmen. Zeitgleich werden die Ressourcen für Veränderungsvorhaben immer knapper, was bedeutet: weniger Zeit, Geld, Personal und, damit einhergehend, weniger Planbarkeit bei vielen zeitgleichen Veränderungsanforderungen.

Um dies zu managen, gibt es zwar aus wissenschaftlicher Sicht hervorragende Lösungsansätze, jedoch fällt den Unternehmen der Transfer in die Praxis oftmals schwer, weil in kritischen, hektischen und kaum planbaren Situationen die einfachsten Grundregeln nicht beachtet werden. Prallen Veränderungsnotwendigkeit, Zeitdruck, fehlende Planbarkeit und reduzierte Ressourcen mit Schwung aufeinander, ist nämlich eines gefragt: IMPROVISATION. Nur so lassen sich buchstäblich die Kohlen aus dem Feuer holen. Problematisch ist dabei jedoch die Wahrnehmung und Assoziation des Begriffes ‘Improvisation’, steht dieser doch nur allzu oft für ein Versagen der Planung, das Scheitern der Verantwortlichen bis hin zur Befürchtung des Steuerungsverlusts. Und diese Kopfbilder führen dann automatisch zu einem vorschnellen Aufgeben und Verlust des Glaubens an ein gutes Ende.

Ein Lösungsansatz dazu kann ein Standpunktwechsel sein, der zum Ziel hat, Improvisation in der Phase der Veränderung als Normalität und Chance zu sehen. Um dies in die Unternehmens- und Führungskultur sowie die Köpfe der Mitarbeitenden zu verankern, können Bilder und Metaphern helfen. Als ideales Referenzmodell dient hierzu die Jazzimprovisation, weil dort situativ und immer wiederkehrend ein Zustand der Instabilität herrscht, den es sogar in Bruchteilen von Sekunden zu bewältigen gilt.

Der Jazzpinaist Mal Waldron sagte einmal “I always play with my own feeling, but a musician has to change, otherwise he dies. I intend to keep changing until the day I die.”

Dieser Satz umschreibt sehr schön die dem Jazzmusiker zutiefst verinnerlichte Grundhaltung, dass permanente Veränderung etwas Gutes und Positives ist – und dies vor dem Hintergrund, dass die Improvisation ein Mittel zur situativen Erneuerung ist.

Im Rahmen der Master Thesis habe ich in der Literaturarbeit zunächst die wesentlichen Begrifflichkeiten zum Thema untersucht. Den Bogen spannte ich dabei von den musikwissenschaftlichen Grundlagen des Jazz, den neurobiologischen/psychologischen, organisations- sowie musikwissenschaftlichen Aspekten der Improvisation bis hin zu der organisations-, sozial- und kommunikationswissenschaftlichen Betrachtung des Change Managements. Aus dieser Erarbeitung entstanden elf Annahmen zu den Oberthemen:

  • Erfolg und Misserfolg
  • Bedeutung des Begriffs ‘Improvisation’
  • Kultur und Werte
  • Kommunikation
  • Organisation, Struktur, Rollen und Regeln

Mit Experten-Interviews habe ich diese elf Annahmen überprüft und vertieft untersucht. Hierzu habe ich je fünf ausgewiesene Experten aus dem Bereich des Change Managements in verschiedenen Unternehmen sowie hauptberufliche Experten im Bereich des Jazz strukturiert befragt.

Eine wesentliche Erkenntnis spiegelt dabei die Aussage eines Interviewpartners wider: “[…] man muss aufpassen, der Jazz kann in vieler Hinsicht eine Metapher sein. Man kann das nicht Eins zu Eins in die Wirtschaft übertragen. […] Man kann sehr viel aus Jazzbands […] aus diesen Prozessen lernen und man kann sehen, was möglich ist, aber es ist letztlich eine Metapher.”

Was ist es aber nun, was die Improvisation im Jazz zu einem funktionierenden Modell für das Change Management werden lässt?

Nun, essentiell für Jazz-Musiker ist, dass Veränderung als ‘Überlebensnotwendigkeit’ in der Jazz-Kultur und bei den Akteuren verankert ist. Improvisation ist selbstverständlich, sogar vielmehr ein Muss und eine Chance, um Neues entstehen zu lassen. Dabei sind die Akteure aufmerksam, empathisch, respektvoll und Andere(s) akzeptierend. Basis für Kommunikation und Zusammenspiel sind dabei nur wenige, feste Regeln, die vom Team jeweils selbst definiert werden. Nicht zuletzt wird das Publikum gezielt angesprochen und ‘abgeholt’ – konsequente Kommunikation nach innen und außen ist ein absolutes Muss. Entscheidend ist, dass jeder im Zusammenspiel einmal die Führung übernehmen kann und somit immer wieder neue Aspekte in die Musik eingebracht werden. So entfaltet sich Kreativität, Vielfalt und Harmonie zum gemeinsamen Stemmen einer komplexen Herausforderung und dem Schaffen von Neuem.

Somit ist das Funktionieren der Jazzimprovisation eine geeignete Metapher, ein ‘Best Practice’-Modell für den improvisierenden Umgang mit Veränderungen. Dieses Bild kann in Unternehmen genutzt werden, um Mitarbeitenden und insbesondere verantwortliche Change-Team-Mitglieder zur Improvisation in der Veränderung zu motivieren und diese nicht, wie Eingangs beschrieben, als Bankrotterklärung für das Change Management zu erklären. Dieses Umdenken kann und soll dabei auch die Kultur in Unternehmen beeinflussen und das kollektive Bewusstsein offener für Veränderung und Improvisation machen. Die für Improvisation erforderlichen Werte und Spielregeln müssen jedoch zwingend von den Change-Team-Mitgliedern vorgelebt und damit als ‘etwas Gutes’ verbreitet werden.

Ein kritischer Faktor ist jedoch sicherlich, dass Jazz als Musik in der Gesellschaft nicht in der Breite anerkannt ist, was durchaus als ein Risiko für dessen Nutzung als Metapher zu bewerten ist.

Getreu dem Satz von Christian Kaden ‘So, und auch anders’ ist es wichtig, sich selbst und anderen immer wieder die Chance zum Umdenken und Erneuern zu geben. Denn nichts bleibt wie es ist, und das ist gut so!

Jochen Gümbel, Jazzmusiker und Master-AbsolventDer Autor: Jochen Gümbel, geb. 21.04.1967, verheiratet, eine Tochter, lebt in Kandel/Pfalz. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Kunsthandel. Nach Zivildienst und dem Vordiplom in Grafik Design an der FH für Gestaltung Mannheim begann Gümbel seine berufliche Laufbahn in verschiedenen internationalen Unternehmen. Bei Tektronix in Köln, AIWA Deutschland in Hürth, Bosch Telecom in Frankfurt, ASTARTE New Media in Karlsruhe sowie der Fiducia & GAD IT AG in Karlsruhe entwickelte er seine Führungsqualitäten kontinuierlich weiter. 2014 konnte er das Studium zum MSc Communications an der DUK mit Auszeichnung abschliessen. Seine Master Thesis steht hier zum Download bereit. Neben dem Beruf ist Gümbel semi-professioneller Jazzmusiker (Gesang und Gitarre) sowie ein ambitionierter Ausdauersportler.

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