Wissenschaftskommunikation reloaded? – Ein Interview mit Yvonne Bräutigam

“Raus aus dem Elfenbeinturm! Herausforderung an die externe Wissenschaftskommunikation im Zeitalter von Web 2.0 und Social Media”. Das ist der Titel der Abschlussarbeit des Master-Lehrgangs “PR und Integrierte Kommunikation” von Yvonne Bräutigam aus dem Jahr 2011. Heute, vier Jahre später, beschäftigt sich der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung im Bundestag mit dem Thema. Yvonnne war bei einem öffentlichen Fachgespräch dabei und gibt uns ihre Einschätzungen.

Katja Unali: Yvonne, zunächst ein kurzer Blick zurück. Web 2.0 war zwar 2011 Trendthema, aber in der Wissenschaftskommunikation noch nicht so recht angekommen, oder?

Yvonne Bräutigam: Tatsächlich war Social Media im Jahr 2011 in der Wissenschaftskommunikation noch lange nicht flächendeckend angekommen. Es gab zwar auch schon zu diesem Zeitpunkt ein gutes Verständnis für die Herausforderungen und Chancen durch Medienwandel und Digitalisierung, aber in der Praxis der Kommunikationsabteilungen konnten neue Formate und Ideen oftmals noch nicht so recht angewandt werden. Zum damaligen Zeitpunkt zeigten sich ganz grundsätzliche Defizite in der externen Wissenschaftskommunikation. Es mangelte oftmals an der Kommunikationsstrategie, sauberer Zielsetzung und Zielgruppendefinition, um Social Media auch nur ansatzweise oder gar erfolgsversprechend zu integrieren. Zumeist fehlte auch Online-Kompetenz, es gab auf breiter Front Nachholbedarf und eine große Unsicherheit bei den Kommunikatoren, insbesondere in den Führungsebenen.

Katja Unali: Wie sieht das heute aus, sind die Sozialen Medien auch in Wissenschaft und Forschung als Kommunikationskanal etabliert?

Yvonne Bräutigam: Inzwischen kann man sicherlich sagen, dass die Wissenschaftskommunikation im Großen und Ganzen im Social-Media-Zeitalter angekommen ist. Die meisten Institutionen und Wissenschaftler nutzen inzwischen Social Media, die Online-Strategien haben sich grundlegend gewandelt und da gibt es teilweise herausragende Konzepte. Es wird jedoch deutlich, dass manche Institutionen und Wissenschaftler sich damit leichter tun als andere. Und es gibt auch weiterhin die Social-Media-Verweigerer, da hat man manchmal das Gefühl es wird doch noch gedacht, dass die Digitalisierung nicht für alle relevant sei.

Katja Unali: Ganz grundsätzlich: Wo steht die Wissenschaftskommunikation heute im Vergleich zu den frühen 2000er Jahren?

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Teaser Helmholtz-Wissenschaftscomic. Bild: Veronika Mischitz/Helmholtz-Gemeinschaft, CC-BY-ND 3.0

Yvonne Bräutigam: In den letzten 15 Jahren hat sich in der Wissenschaftskommunikation viel verändert. Sie hat sich deutlich professionalisiert. So ist es inzwischen möglich, Wissenschaftskommunikation oder -Marketing zu studieren, das war noch vor ein paar Jahren nicht der Fall. Auch im Alltagsgeschäft hat sich viel getan: Social Media und viele weitere neue, innovative Formate wie zum Beispiel Wissenschaftsvideos oder gar -comics werden genutzt, da machen viele Kollegen einen tollen Job und erhalten den wichtigen Freiraum dafür (ein paar tolle Beispiele: das MPI in Dresden, die ESA mit ihren Rosetta-Videos oder die Helmholtz-Wissenschaftscomics). Gleichzeitig hat sich die Rolle der Kommunikation geändert. Inzwischen sind Wissenschaftskommunikatoren nicht mehr nur alleiniges Sprachrohr für eine Institution, sondern werden oftmals von den Wissenschaftlern selbst dabei unterstützt. Das Berufsbild in der Wissenschafts-PR ist nicht mehr nur ein reiner Sprecher, sondern oftmals ein Kommunikationsberater und -manager. Nur fällt das manchmal auch noch beiden Seiten, sowohl Kommunikatoren als auch Wissenschaftlern schwer. Gleichzeitig gibt es immer mehr Diskussionen, ob der Wisssenschaftsjournalismus unter der Blüte der Wissenschaftskommunikaton leidet. Dabei glaube ich nicht, dass die Wissenschaftskommunikation dem Journalismus ein Grab schaufelt, denn es sind ja zwei sich ergänzende Teile des Systems. Vielmehr erscheint der Journalismus als Branche schon seit einiger Zeit auf der Suche nach zukunftsfähigen Modellen.

Katja Unali: Nur ‘Eingeweihte’ haben vermutlich mitbekommen, dass Wissenschaftskommunikation sogar im aktuellen Koalitionsvertrag thematisiert wird. Im Oktober berichtete die taz darüber, Anlass war ein öffentliches Fachgespräch im Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages. Du warst dabei und hast die Diskussion verfolgt.
Warum sollte sich die Politik mit dem Thema beschäftigen? Welchen Nutzen siehst Du hier?

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Yvonne Bräutigam: Wissenschaft ist, genauso wie Politik, ein Thema, dessen Wichtigkeit für die Gesellschaft leider doch oft unterschätzt oder nur in bestimmten Konstellationen diskutiert wird. Oft ist die Thematisierung von Wissenschaft gar regelrecht bipolar: Entweder als Wunder angepriesen oder als Teufelszeug diskutiert wenn es um Risiken geht – dabei wäre ein guter Mittelweg und eine Öffnung beider Seiten wie in Richtung Open Science wünschenswert. Dazu fehlt es aber leider oft auch an breiter Wissenschaftsberichterstattung und Diskussion. Und auch an umfassender Erforschung der Wissenschaftskommunikation, bisher gibt es in Deutschland hierzu nur zwei Lehrstühle. Umso erfreulicher ist es, dass im Ausschuss sehr breit und vor allem auch sehr gut vorbereitet miteinander diskutiert wurde. So hatten die Abgeordneten, die sich im Vorfeld sehr gut mit der Materie auseinandergesetzt hatten, die Chance ergriffen, eingehend und breit mit Experten über das Thema zu diskutieren – ich hoffe dass Politik und Wissenschaft(-skommunikation) diesen Weg ebenso gut in Zukunft weiter gemeinsam beschreiten.

Katja Unali: Du promovierst momentan zu dem Thema. Magst Du uns kurz schildern, worum es dabei geht?

Yvonne Bräutigam: Da ich selbst in der Wissenschaftskommunikation arbeite und die Online-Kommunikation eines Forschungsinstituts leite, ist die Digitalisierung und die dadurch stattfindende Veränderung in der Kommunikation für mich besonders spannend. Wissenschaft und das Vertrauen in sie ist ein gesellschaftliches Spannungsfeld, das einerseits durch Hochachtung, aber andererseits auch Kontroversen und Misstrauen gekennzeichnet ist. In meinem Promotionsprojekt möchte ich daher untersuchen, wie sehr sich die Kommunikation über Wissenschaft durch die Digitalisierung verändert hat und wie die Vertrauensbildung betroffen ist. Gleichzeitig stellt sich mir auch die Frage, inwieweit sich die Wissenschaftskommunikation verändern muss, um ihrem Auftrag weiterhin gerecht zu werden. Denn schon Kafka sagte: „Alles Reden ist sinnlos, wenn das Vertrauen fehlt“. Dabei habe ich die große Freude und das Privileg, Doktorandin in netPOL, dem interuniversitären Netzwerk Politische Kommunikation, bei Professor Peter Filzmeier und seinem Team zu sein und dort dieses Thema im Rahmen der interdisziplinären Doktorschule an der Andrássy Universität Budapest (AUB) erforschen zu dürfen. Das gibt mir auch für meine tägliche Arbeit unheimlich viele spannende neue Impulse.

Katja Unali: Yvonne, danke für das Gespräch und vor allem viel Erfolg mit der Promotion!

Vita: Wissenschaftskommunikation: Yvonne Bräutigam im DAPR-InterviewYvonne Bräutigam, MSc, leitet seit Juli 2014 die Online-Kommunikation am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Sie ist Dissertantin im Doktorandenkolleg des internationalen und interuniversitären Netzwerks Politische Kommunikation (netPOL) an der Andrássy Universität Budapest (AUB). Mit Unterstützung von Dr. Michael Roither (Fachhochschule Burgenland) und Prof. Dr. Alexander Gerber (Hochschule Rhein-Waal) forscht sie zum Themengebiet Digitale Wissenschaftskommunikation.
Im Erststudium studierte sie an der DHBW Mannheim und der Open University Wirtschaftsinformatik und spezialisierte sich auf Softwareentwicklung, Webdevelopment und Projektmanagement. Danach arbeitete sie als Projektleiterin in der Kommunikation des ZEW und absolvierte berufsbegleitend das Masterstudium “PR und Integrierte Kommunikation” am Zentrum für Journalismus und Kommunikationsmanagement (JoKom) der Donau-Universität Krems. Yvonne Bräutigam hält an verschiedenen Forschungseinrichtungen und Hochschulen Vorträge und Seminare zu PR und (Online-)Kommunikation, Social Media, Journalismus sowie kommunikationswissenschaftlichen Grundlagen.

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